So lief die Erinnerung ab

Vor langer Zeit hatte ich ein seltsames Erlebnis. Ich erinnerte mich spontan an ein früheres Leben - als Johan August Strindberg. Seither beschäftigt mich dieses Thema. Leider vergaß ich so ziemlich alles, woran ich mich gerade noch erinnern konnte. Es war das komplette Leben eines Menschen, der mir nicht bekannt war. Alles war wie auf einen Punkt gebrannt, als wäre alles gleichzeitig vorhanden. Das war wohl zu viel für mein Gehirn - oder ich verdrängte es,  weil diese Erinnerung sehr schmerzhaft war. Im ersten Moment dachte ich: "Vielleicht ist es besser, wenn man sich nicht an seine früheren Leben erinnert" - und mit diesem Gedanken verschwand die Vision. Nur zwei Dinge blieben wie eingebrannt: Dieses frühere Leben war ein sehr dunkles, unglückliches gewesen. Die Ursache für diese Dunkelheit war meine damalige Mutter. 

War es wirklich wahr, was ich gesehen hatte, oder doch nur eine Illusion, ein Traum?

Nachdem ich mich vom ersten Schock erholt hatte, machte ich mich auf die Suche. 

 

Das Seltsame dabei ist, dass ich am Abend vorher im Fernsehen ganz kurz ein Foto Strindbergs gesehen hatte. Das hatte offenbar die Erinnerung ausgelöst. Strindberg hat sich oft fotografiert. Auch von mir gab es unzählige Fotos, welche natürlich jemand anderer gemacht hatte. Als ich eine Jugendliche war kam ich plötzlich auf die Idee, es sei falsch, sich selbst ständig zu fotografieren - und vernichtete alle Fotos, die ich finden konnte. Nur wenige entgingen mir, weil sie andere Personen bei sich hatten. Diese Fotos hielt ich verwerfliche Eitelkeit. Als wolle mir das Schicksal sagen, meine Idee sei blöd, wurde gerade ein Foto von mir - als ich Strindberg war - wichtig.

Von Strindberg hatte ich zuvor nie etwas gehört. Alles Nordische war mir unsympathisch, niemals wäre ich freiwillig nach Schweden gefahren. Obwohl ich gar keine Vorstellung von Schweden hatte, lehnte ich dieses Land ab. Als ich ein erstes Buch über Strindberg las, wendete ich mich mit Grauen ab. Nein, dieser Mensch wollte ich nicht gewesen sein. Erstmal Pause. Es gab auch kaum Bücher über ihn auf Deutsch, seine Stücke wurden in Wien kaum gespielt.

Es dauerte viele Jahre, bis ich mich mit ihm sozusagen versöhnte. Seither habe ich viel von ihm und über ihn gelesen. Vor einigen Jahren schrieb ich ein kleines Heft über meine Forschung, einige Jahre später schrieb ich es neu als Buch und veröffentlichte es, ohne jeweils Werbung dafür zu machen. Im Grunde genommen schämte ich mich noch immer für Strindberg. Ich wollte gar nicht, dass es jemand liest, aber ich musste darüber schreiben. 

Jetzt habe ich es noch einmal umgeschrieben. Es kamen auch immer neue Informationen dazu, die ich verwerten musste. Die neueste Information betrifft mich selbst. Ich habe unter anderen auch skandinavische Gene, stellte ich fest. Eigentlich suchte ich nach meinen derzeitigen Vorfahren, nicht danach, ob ich auf genetischer Ebene mit Strindberg irgendwie verwandt sein könnte. Das wäre mir auch als absurd erschienen. Jetzt tut es mir sogar Leid, dass man seine DNA nicht kennt. Wer weiß? 

Einerseits war ich traurig, weil ich alles wieder vergessen hatte, andererseits ist das ein Segen, weil ich aus diesem Grund ohne weitere Vorurteile an die Sache herangehen konnte. Genau genommen habe ich offensichtlich sein Leben im Prinzip in vielen Bereichen fortgesetzt. Bis auf einige Korrekturen, die schon zu seinen Lebzeiten als Wunsch erkennbar waren. 

Mein Buch besteht im Wesentlichen aus einem Vergleich zwischen seinen und meinen Gedanken, Erlebnissen, Handlungen und biografischen Daten. Vieles davon könnte theoretisch Zufall sein. Da es sich jedoch um eine ungeheure Anzahl von solchen theoretisch möglichen Zufällen handelt, ist es praktisch unmöglich, dass alles nur Zufall sein könnte. 

Je mehr ich mich mit Strindberg befasste, desto mehr Bücher und sogar Filme erschienen über ihn. Stücke von ihm wurden plötzlich in Wien aufgeführt, zwei davon sah ich mir auch an. 
Auch das ist eine sehr seltsame Zufälligkeit. 

Im Wesentlichen folge ich in meinem Buch - das vor kurzem erschienen ist - meiner ersten Fassung. Plus neue Erkenntnisse, die mir damals noch nicht zugänglich waren, weil sie nicht öffentlich existiert haben.